GFA Folge 1: «Das war notwendig – für sie und für mich» 

Das ist die erste Episode der neuen Sonderstaffel «Chopfsach - Demenz im Zentrum». Mehr Informationen dazu finden Sie hier.

Wenn es mit Demenz zu Hause nicht mehr geht, beginnt für Angehörige ein neuer, oft schwieriger Abschnitt. Herr Affolter erzählt vom Eintritt seiner Frau ins Gesundheitszentrum Bombach – vom Loslassen, von Trauer und Erleichterung. Sozialarbeiterin Maja Dietrich erklärt, was in der ersten Zeit wichtig ist, welche finanziellen Fragen sich stellen und welche Unterstützung Angehörige erhalten.

Mitten in der Nacht. Der Notarzt steht in der Wohnung. Die Frau kann sich nicht mehr bewegen, sie hat hohes Fieber. Und plötzlich ist klar: Sie kommt nie mehr nach Hause. So hat Herr Affolter den Eintritt seiner Frau ins Gesundheitszentrum für das Alter Bombach erlebt. Schlagartig. Und doch war dieser Moment, so sagt er heute, am Ende die einzige Lösung. «Das war notwendig für meine Frau, damit sie fachliche Betreuung erhält. Es war aber auch für mich notwendig, dass ich nicht kollabiere.» 

In der ersten Folge der Spezialstaffel trifft Demenzexpertin Judith Kronbach Herrn Affolter auf der Terrasse des Gesundheitszentrums Bombach am Hönggerberg mit Blick über Zürich. Ein idyllischer Ort für ein ehrliches und emotionales Gespräch.

Der Eintritt: Selten ein geplanter Schritt 

Maja Dietrich, Sozialarbeiterin im Gesundheitszentrum Bombach, erlebt es täglich: Die wenigsten Menschen kommen direkt von zu Hause zu ihnen, sondern aus dem Spital. Meist geht ein Zwischenfall voraus. «De facto ist es so, dass häufig zuerst etwas passieren muss, dass es zu einem Eintritt kommt.» 

Ein Sturz, eine Lungenentzündung, ein Fieberschub. Und dann ist es plötzlich Fachpersonal, das den Angehörigen abnimmt, was sie versucht haben, abzufedern. Nicht selten an der Grenze zur Überforderung. Das, sagt Maja Dietrich, ist kein Versagen. Im Gegenteil: «Fürsorge kann auch sein, jemanden hierher zu bringen.»

Wenn Angehörige an ihre Grenzen kommen

Herr Affolter hat seine Frau jahrelang zuhause betreut. Rund um die Uhr. Er war, wie er es selbst nennt, «der Stossdämpfer». Immer zwischen ihr und der Krankheit. Dass er selbst dabei fast zusammengebrochen wäre, hat er lange nicht sehen wollen. Oder nicht sehen können. Maja Dietrich kennt das: Manchmal sind Betreuende erschöpfter als die Menschen, die sie begleiten. «Wenn man merkt, ich verliere meine eigene Geduld, ist das ein ganz wichtiger Marker, auf den man sich achten sollte.»

Das war notwendig für meine Frau, damit sie fachliche Betreuung erhält. Es war aber auch für mich notwendig, dass ich nicht kollabiere.

Die ersten Wochen: Was erwartet Angehörige?

Der Eintritt ins Gesundheitszentrum ist keine Tür, die endgültig zufällt. Im Bombach und in den anderen Gesundheitszentren der Stadt Zürich gibt es nach sechs bis acht Wochen eine interprofessionelle Standortbestimmung, mit Pflegepersonal, Ärzt*innen, Sozialdienst und Angehörigen. Und, das betont Maja Dietrich, man dürfe auch wieder gehen, wenn’s nicht passt. Die Kündigungsfrist beträgt fünf Tage. Zum Einzug selbst rät sie: Nicht zu viel mitbringen. Das Wichtigste reicht. Kleider, ein Erinnerungsstück, ein Fotoalbum. Der Rest ist da. 

Die Frage, die alle beschäftigt: Kann ich mir das leisten? 

Je nach Zimmerkategorie kostet ein Aufenthalt in einem Gesundheitszentrum zwischen 7'500 und 8'500 Franken pro Monat, bezahlt aus dem eigenen Vermögen. Die Pflegekosten werden grösstenteils von der Krankenkasse übernommen. Wer kein Vermögen hat oder unter die gesetzliche Grenze fällt (100'000 Franken für Alleinstehende, 200'000 Franken für Ehepaare), kann Ergänzungsleistungen beantragen. Der Sozialdienst hilft dabei. Wenn es dann immer noch nicht aufgeht, findet sich ebenfalls eine Lösung: «Man wird nicht rausgeschmissen, nur weil die Finanzen nicht stimmen», sagt Maja Dietrich. 

Abschiednehmen – immer und immer wieder 

Für Herr Affolter war eine der schmerzhaftesten Erkenntnisse: Jedes Mal, wenn er geht, ist es ein Abschied. Er musste lernen, Freiraum und Abstand zuzulassen. «Wenn man jeden Tag hingeht, hat die Person keine Möglichkeit, sich einzugewöhnen. Und einen selbst macht das fertig.» Das Pflegeteam im Bombach habe ihm empfohlen, sich manchmal einfach zu verabschieden, ohne grosses Zeremoniell. Nicht weil das unkomplizierter sei, sondern weil es beiden helfe. Und manchmal, erzählt er, überkomme ihn nach dem Besuch das Gefühl, er habe sie «wie einen Koffer am Bahnhof abgegeben». Auch wenn er weiss, dass dies mitnichten der Fall ist. 

Das Glück und die Trauer 

Herr Affolter teilt in der Folge eine einfache, aber tiefe Erkenntnis: «In dem ganzen Prozess erleben Sie Momente, in denen Sie Glücksgefühle haben. Gleichzeitig sind Sie von einer tiefen Traurigkeit erfasst.»

Sein Tipp: Aufschreiben. Den Zettel vielleicht wegwerfen, vielleicht behalten. Aber Glücksmomente und Trauer nebeneinanderstellen. Das entlastet diese ambivalenten Gefühle. 

Die wichtigsten Punkte zum Eintritt 

  • Eintritt passiert oft in einer Krisensituation: Das ist keine Schwäche, sondern häufig Realität. 

  • Früh Hilfe annehmen: Im Vorlauf jeder angebotenen Unterstützung zustimmen. 

  • Die Persönlichkeit der erkrankten Person verändert sich: Nicht jede Äusserung auf sich selbst beziehen oder als Angriff auffassen. 

  • Wenig mitbringen beim Einzug, nur das Nötigste und so viel, dass sich die Person wohlfühlt. 

  • Nicht täglich besuchen, vor allem am Anfang. Das schützt beide. 

  • Abschied gestalten: Manchmal ist ein stilles Übergeben hilfreicher als ein grosser Abgang. 

  • Sozialdienst kontaktieren: Bei Fragen zu Finanzen, Bürokratie, Ergänzungsleistungen. Niemand ist dabei allein. 

  • Betreuung neu denken: Den Menschen in gute Hände zu geben, ist kein Abschieben. Es ist Fürsorge. 

Über den Podcast 

«Chopfsach – Demenz im Zentrum» ist eine Spezialstaffel in Zusammenarbeit mit den Gesundheitszentren für das Alter der Stadt Zürich. Bis Dezember erscheint alle zwei Wochen eine neue Folge. Als Nächstes: Einblick in den Alltag eines Wohnbereichs für Menschen mit Demenz im Gesundheitszentrum Bachwiesen. 

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Folge 40: Frauen und Demenz – Ein vernachlässigtes Risiko