Folge 28: Demenz im Kontext von Migration: Kulturelle Dynamiken und Herausforderungen
Migration und Demenz – zwei komplexe Begriffe, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben, aber in ihrer Kombination signifikante Herausforderungen für Betroffene und Angehörige darstellen. In Episode 28 von «Chopfsach» beleuchten wir die kulturellen, sprachlichen und sozialen Aspekte, die diese Themen miteinander verweben und die Integration älterer Menschen mit Migrationshintergrund in Pflegekontexte beeinflussen.
Migration und Pflege: Ein Unsichtbares Netzwerk
In der Schweiz haben 41% der Bevölkerung einen Migrationshintergrund. Doch wie viele davon über 65 Jahre alt sind oder an Demenz leiden, ist weniger klar. Was jedoch feststeht, ist die unverzichtbare Rolle von Pflegenden mit Migrationshintergrund. Sie versorgen einen Grossteil unserer älteren Bevölkerung und bringen dabei eigene kulturelle Prägungen mit, die zu unvermeidlichen Missverständnissen führen können – sowohl sprachlicher als auch kultureller Natur.
Sprachliche Barrieren in der Pflege
Der Alltag im Altersheim von Alex’s Mutter, die nun mit Demenz lebt, hat ihn auf diese Diskrepanz aufmerksam gemacht. Die Kommunikation zwischen ihr und dem Pflegepersonal gestaltet sich oft schwierig, da sie oft einen Mix aus Dialekt, Standarddeutsch und Niederländisch verwendet. Sprachliche Unterschiede sind nur der Anfang; wenn auch noch kulturspezifische Verhaltensweisen hinzukommen, wird das Potential für Missverständnisse immens.
Kulturelle Unterschiede: Individualismus trifft auf den Kollektivismus
Gesprächspartnerinnen wie Irma Endres, Co-Leiterin am Institut für Kommunikation & Führung IKF in Luzern, bieten Einblicke in die unterschiedlichen kulturellen Hintergründe der Schweiz und den Ländern der Pflegenden. Während in individualistischen Kulturen die Autonomie und Selbstverantwortung im Fokus stehen, spielt in kollektivistischen Kulturen das Wohl der Gruppe eine bedeutendere Rolle. Diese Unterschiede im kulturellen Ansatz können zu Spannungen im Pflegealltag führen, insbesondere wenn Entscheidungen über Pflege und Betreuung getroffen werden müssen.
Kommunikation als Schlüssel
Einfühlsame Kommunikation ist entscheidend, um zwischen den Kulturen Verständigung und Vertrauen aufzubauen. In den von Judith geführten Gesprächen wird deutlich, dass kollektivistische Kulturen oft indirekte, umwegige Kommunikationsstile bevorzugen, um Missverständnisse zu vermeiden. Es zeigt sich, dass der Weg zur Verständnisfindung über Parallelgeschichten oder metaphorische Umschreibungen führen kann – Techniken, die Vertrauen schaffen und Abstand zu heiklen Themen ermöglichen.
Rassismus und Status in der neuen Heimat
Speziell ältere Menschen mit Migrationshintergrund könnten in der Schweiz einen Verlust des sozialen Status erleben, während Frauen tendenziell an Status gewinnen. Rassismus und Vorurteile tragen zur Erschwerung der Integration und Akzeptanz bei, und besonders Menschen mit Demenz, die durch ihre Krankheit die erlernte Bewältigungsstrategien nicht mehr einsetzen können, erleben dies verstärkt. Die Geschichte eines italienischen Gastarbeiters in der Schweiz verdeutlicht, dass unverarbeitete Demütigungen aus der Vergangenheit durch Demenz wieder zutage treten können.
Fazit: Ein Balanceakt zwischen den Kulturen
Durch unsere Betrachtung möchten wir nicht nur die Dringlichkeit dieses Themas klarmachen, sondern auch dazu beitragen, Brücken zwischen den Kulturen zu bauen. Die Auseinandersetzung mit den kulturspezifischen Herausforderungen und der Versuch, eine kollektive, aber inklusive Herangehensweise zu schaffen, sind Schritte in Richtung eines respektvollen und verständnisvollen Umgangs mit Demenz im multikulturellen Umfeld der Schweiz.
Die nächste Episode, die zu dieser Doppelfolge gehört, taucht tiefer in die Erfahrungen von Menschen mit Migrationshintergrund und deren Umgang mit den Erwartungen ihrer Herkunftskulturen ein. Im 2. Teil geht es im Detail um die albanische sowie tamilische Kultur.